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Ungebremste Verehrung bei der IAA

Auf der IAA fanden sich Anzeichen für eine sauberere, wenn nicht sogar nachhaltigere Mobilität. Aber um sie zu entdecken man musste man sehr viel guten Willen mitbringen angesichts der pompösen Feier fossiler Boliden. Das Publikum - bis zu 150.000 Menschen täglich - schob sich meist ehrfurchtsvoll durch die Hallen. Die Inszenierung der Verbrenner litt kaum unter den Anwürfen aus dem VW-Skandal.

von Matthias Breust (Text und Fotos)

Auf dem IAA-Freigelände kann man ausgewählte Autos an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringen. Wippen, Steilkurven und künstliche Hügel stellen für die SUVs und verwandte Modelle aber keine echten Hindernisse dar. Eher werden die Nerven der Fahrer/innen getestet. Mit dem Audi (links) geht es nur im Schrittempo bergab, etwas später auf der schrägen Rampe werden seine Räder die Bodenhaftung verlieren...

Wie im Kaufhaus
Ein riesiger Dom, in dem Tausende Platz finden auf zwei Rängen und im Parkett mit bester Sicht auf die riesige Bühne. Mit infernalischem Tam Tam öffnen sich raumhohe Klappen hinter der Bühne - und die aktuellen Autos von Daimler fahren zum Bühnenrand.

Die Mercedes-Kirche funktioniert wie ein modernes Kaufhaus. Eine Rolltreppe trägt jeden Besucher in den obersten Stock, von wo ein Weg vorbei führt an den zahlosen goldenen Kälbern. Nach diesem Erlebnis hatte ich gänzlich die Neugier auf die Wallfahrt zu Audi verloren. Vor dem Kubus wurde eine lange Schlange aufrecht erhalten, die sich in den Vexier-Eingang drängelte wie in Mekka (rechts).

Insgesamt haben fast eine Million Menschen die IAA besucht. An den Wochenendtagen kamen jeweils über 100.000 auf das Messegelände in Frankfurt (Foto unten recht). Oberhalb von Level 0 war allerdings nicht so gut Kirschenessen. Während unten Volkswagen und seine Töchter hochglanzpolierte Motoren (unten links) und sämtliche verfügbaren Varianten einschließlich Elektroantrieb verteilt zwischen der gesamten Modellpalette präsentierten, war die 'New Mobility World' darüber im zweiten Stock der Halle 3 eher beschaulich. Die 'Start-Up-Zone' wurde jedenfalls zum Ende der IAA kaum nocch frequentiert (unten Mitte), und die brav in zwei Reihen aufgestellten elektrischen Fahrzeuge blieben ohne Betreuung und verschlossen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der sich bei einem IAA-Besuch am Mittwoch auf seine Begegnung mit Tesla-Gründer Elon Musk vorbereitete, wandte sich daher dem viel aufregenderen Speedster 365 von Turn-E zu, so wurde berichtet.

Neben vielen hoffnungsvollen kleinen Unternehmen, die sich auf Gemeinschaftsständen darstellten, zeigten sich auch größere Anbieter wie etwa Mennekes auf der New Mobility World. Nach der launigen Einlassung des Chefs, er könne seine Stecker auch woanders anbauen, wenn es mit Elektromobilität nicht klappt (bei der NKE im MAi 2015), beeindruckt dieses Engagement. Ein return of investment dürfte sich bei Mennekes immer noch nicht eingestellt haben.

BSM-Mitglieder auf der IAA

Die Fine Mobile GmbH stellte das neue Twike 5 vor. Mit fast 30 kWh Speicherkapazität bei einem Verbrauch zwischen 6 und 13 kWh schafft es rein elektrische Reichweiten bis ca. 500 km und eine maximale Geschwindigkeit von 200 km/h. In der New Mobility World gab es ein weiteres der human-elektrischen Leichtfahrzeuge aus Nordhessen, denn auch der e-Lipsia-Organisator Lutz Förster präsentierte seine teilelektrischen Fahrzeuge auf dem Gemeinschaftsstand Sachsens.

Ubitricity war mit einem eigenen Stand in aufgefrischtem CI vertreten (links). Mitgründer Frank Pawlitschek zeigte sich sehr zufrieden über den Verlauf der IAA. Offenbar gab es auch seitens großer Herstellern Interesse an der In-Cable-Box des Berliner Unternehmens, mit der man an jeder Steckdose Ökostrom laden kann. Pawlitschek wies darauf hin, dass sich damit die Behauptung aufrecht erhalten ließe, elektrische Modelle stießen 0g CO2 aus.

Bei den offiziellen Berechnungen der Flotten-Emissionen wird diese Annahme ja zu Grunde gelegt, während Umweltverbände wie Greenpeace und VCD weiterhin vom 'normalen' Strommix in Traktionsbatterien ausgehen.

Die Hubject GmbH - ebenfalls Mitglied im BSM - war gleich nebenan. Besucher konnten auf diese Weise mit wenigen Schritten zum erleichterten Laden grünen Stroms gelangen.

Innen fahren
Bei Extra Energy konnte man Pedelecs und andere elektrische Zweiräder ausprobieren (links). Auch bei BMW fuhren Fahrzeuge indoor - auf einer Hochstraße kreuz und quer durch die Halle. Aber elektrisch waren nur wenige - wie der eDrive rechts.

 

Immerhin hat BMW - anders als die übrigen OEMs - seinen elektrischen Modellen einen eigenen Bereich reserviert. Unter der Headline "Mobilitätsdienstleistungen" gehen die Münchener sogar soweit, den i3 als Bestandteil sauberer Mobilittätskonzepte (i.e. DriveNow) zu präsentieren (rechts).

Im Außenbereich hatte auch der Elektroroller-Anbieter Kumpan einen Parcour abgesteckt. Dem eRoller als dem vernünftigsten aller Teilnehmer im motorisierten Indidualverkehr wurde höchste Aufmerksamkeit zuteil aus dem Bundesverkehrsministerium. Wir werden gelegentlich vor dem Dienstgebäude prüfen, ob dem auch Taten folgen.

Ungetrübte Begeisterung
Der ungebremste Enthusiasmus für fossile Verbrenner verwundert angesichts der Nachrichten, die während der IAA veröffentlicht wurden zur Abgastechnik in VW-Dieselmotoren. Das Beste an der Nachricht ist vorerst, dass die Einhaltung von Abgas-Grenzwerten für derart bedeutsam gehalten wird. Als die Elektromobilität auf der IAA 2011 neben der Hüpfburg stattfand, war eine solche Wirkung schwer vorstellbar. Man wird sehen, wie sehr der Nimbus des Autos gelitten hat. Vielleicht werden Abgaswerte bald ebenso selbstverständliche Parameter wie jetzt Reichweiten und Höchstgeschwindigkeiten. Wir sind gespannt auf die kommenden Wochen. Von den 219 Innovationen, die auf der IAA präsentiert wurden, dürfte kaum noch die Rede sein.

Bei den Kollegen von elektromobilität-praxis.de gibt es noch mehr Bilder...

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